„The Alienist – Angel of Darkness“: Psychoanalyse und Emanzipation

Mittlerweile fallen mir eine ganze Reihe jüngst erschienener Filme ein, bei denen die Gleichberechtigung von Frauen im Vordergrund steht (Birds of Prey, Captain Marvel, Bombshell, Avengers: Endgame). Aber dass die zweite Staffel der TNT-Serie The Alienist (Dt. Die Einkreisung) sich ebenfalls hauptsächlich mit diesem Thema beschäftigt, hat mich doch irgendwie überrascht.

Ich finde die Serie unterhaltsam und einigermaßen spannend; vor allem angesprochen hat mich in beiden Staffeln die düstere Atmosphäre. Die entsteht einerseits durch das Setting, andererseits durch die grausigen Mordfälle und das Thema der Psychoanalyse, verkörpert durch Dr. Laszlo Kreizler (Daniel Brühl).

In der zweiten Staffel geht es hauptsächlich um die Aktivitäten von Sara Howard (Dakota Fanning), die jetzt eine aufstrebende Detektivin mit eigenem Büro samt Angestellten ist. Trotz des weiterhin bestehenden Trios aus den Protagonist(inn)en Sara, Kreizler und John Moore (Luke Evans) liegt der Fokus dieser Staffel auf der weiblichen Hauptperson und ihrem Bestreben, eigenständig Fälle zu lösen. Es geht um Saras Rolle als unverheiratete Frau im New York der Jahrhundertwende (1900) und ihre Mühe, sich als ernsthafte Detektivin einen Namen zu machen. Außerdem wird ihre Mitgliedschaft bei den Suffragetten angerissen, die sich für Frauenrechte und Gleichberechtigung in der Gesellschaft einsetzen. Die Mordfälle, die es aufzuklären gilt, bieten dazu noch ganz andere Themen, die Frauen der damaligen Zeit beschäftigten: ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung, Sterilisation und insgesamt die Rolle der Frau als Mutter.

Hier geht’s zum englischen Trailer der Staffel

Progressivität vs. gesellschaftliches Ansehen

Bereits zu Anfang der neuen Staffel erfahren die Zuschauer(innen) vom Trubel um einen Mordprozess, bei der die Beschuldigte scheinbar ohne fundierte Beweise verurteilt werden soll, was eine Protestwelle der Suffragetten auslöst. Auch die Protagonist(inn)en setzen sich für die Freilassung der Verurteilten ein, die für den Mord an ihrem eigenen Baby verantwortlich gemacht wird. Kreizler betreut die Frau als Arzt und bietet ihr bis zu ihrer Hinrichtung auch moralischen Beistand.

„Sie sind kein Monster, Martha. Es ist die Welt, die so abscheulich ist.“

Dr. Kreizler in Die Einkreisung Staffel 2, Folge 1 „Aus dem Munde der Unmündigen“

Hier wird deutlich, dass die Protagonist(inn)en eine andere Sicht auf die Verurteilte haben als die Öffentlichkeit, die sie als gewissenlose Mörderin abstempelt. Dieser Gegensatz kommt im Lauf der Staffel immer wieder zum Vorschein. Besonders die Figur John Moore steht für die Diskrepanz zwischen der fortschrittlichen Denkweise der Protagonist(inn)en und der Welt des angesehenen Bürgertums, in die sich John immer wieder begibt. Durch seine Verlobung mit der Patentochter eines angesehenen Zeitungsbesitzers muss er in dieser Staffel ständig auf Dinnerpartys herumhängen und Smalltalk führen, um sein Ansehen zu pflegen. Hin und her gerissen zwischen diesem gesellschaftlich akzeptierten, aber geheuchelten Leben und der Abenteuer mit Sara steht John für einen Konflikt, der auch Sara beschäftigt: Wie kann sie als Frau in der Gesellschaft angesehen sein, gleichzeitig aber Werte propagieren, die für die Öffentlichkeit eigentlich nicht annehmbar sind? Und vor allem, wie kann sie dabei trotzdem ihre Weiblichkeit behalten? Immer wieder wird deutlich, dass die Protagonist(inn)en sich von den gesellschaftlich etablierten Werten distanzieren und dadurch zu Außenseiter(inne)n werden. Während Kreizler diese Rolle akzeptieren kann, fällt es Sara und John schwer, sich von der Akzeptanz anderer zu lösen.

Die Tatsache, dass die beiden, um dem öffentlichen Bild nicht zu widersprechen, immer wieder betonen, Freunde oder nur Kollegen zu sein, definiert auch Saras Rolle als Frau. Sie wird in der Männer-dominierten Welt als kumpelhaft und dadurch als weniger weiblich angesehen. Innerhalb der damaligen Gesellschaft war es eben die Aufgabe einer Frau, eine Ehe einzugehen und Kinder großzuziehen und nicht, einen Beruf zu erlernen, der keine Zeit mehr für Familie lässt. Vor allem auch durch ihre enge Vertrautheit mit Dr. Kreizler, der selbst wenig Interesse an Beziehungen zeigt, wird Sara als Frau dargestellt, die aufgrund ihrer Progressivität nicht als Ehefrau oder Mutter geeignet scheint, weil sie andere Wertvorstellungen hat als der Rest der Gesellschaft. Auch in der heutigen Zeit gibt es ja noch „Ideal“-vorstellungen wie die Ehe zwischen Mann und Frau oder dass die Elternzeit nur für Mütter gilt, wodurch Menschen, die entgegen dieser Vorstellungen leben, zu Andersartigen oder Außenseitern gemacht werden. Da Sara aber gerade diese Andersartigkeit propagiert und ja mit den Suffragetten für die Akzeptanz von neuen Frauenrollen kämpft, sieht sie es vielleicht als ihre Aufgabe an, alleinstehend zu bleiben, um der Gesellschaft zu beweisen, dass es eben auch andere Wege abseits der anerkannten Vorstellungen gibt. Einen krassen Kontrast zur progressiven Frauenfigur Sara Howard bietet übrigens die Verlobte von John Moore, Violet, die passenderweise immer nur violett trägt und deren Lebensinhalt darin besteht, bei Dinnerpartys zugegen zu sein und ihren Hund zu streicheln.

Quelle: Someecards

Einblick in die Psychoanalyse

Im Lauf der Ermittlungen wird außerdem deutlich, dass die Protagonist(inn)en aufgrund ihrer anderen Wertvorstellungen auch die beteiligten Frauen anders beurteilen als die Polizei, die für das konservative System steht. Hier kommt die Parallele zur Psychoanalyse ins Spiel, die schon einen großen Teil der ersten Staffel ausgemacht hat. Das Trio ist immer bestrebt, die Taten der Verdächtigen zu verstehen, wodurch die Kriminellen menschlicher und sogar sympathisch wirken. In der zweiten Staffel geht es um eine weibliche Kriminelle, die Säuglinge entführt und tötet. Aus Sicht der Polizei ist diese Frau eine Wahnsinnige; vor allem, weil sie nach damaligem Verständnis in ihrer Rolle als Mutter versagt hat. Von den Protagonist(inn)en wird die Verdächtige dennoch wie eine Patientin behandelt. Sara, Laszlo und John versuchen herauszufinden, welche Lebensumstände die Psyche der Frau so strapaziert haben, dass sie zur Kindsmörderin geworden ist. Das Ermittlerteam gibt ihr dadurch nicht nur einen Teil ihrer Würde und Menschlichkeit zurück, sondern kann vor allem Verständnis und Mitleid für sie empfinden. Gerade Sara wird hier als empathische Detektivin hervorgehoben, die gut das Vertrauen anderer Frauen gewinnen kann.

Quelle: Giphy

Der Mordfall wirkt unter anderem deshalb so schockierend, weil Frauen auch heute noch oft in die Rolle des schwachen Geschlechts gedrängt werden. Eine gewalttätige Mörderin ist demnach das genaue Gegenteil von dem, was von einer Frau erwartet wird. Dass aber gerade dieser soziale Druck und die stereotypische Sicht der Gesellschaft dazu führen können, dass Frauen kriminell oder gewalttätig werden, ist eine Überlegung wert. „The Alienist“ verdeutlicht dieses Phänomen anhand der gesellschaftlichen Probleme, die Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigten: Der Zwang zur Mutterrolle, das Tabuthema Unfruchtbarkeit und die Bevormundung von Frauen, wenn es um die Entscheidung geht, ein Kind zu behalten, es abzutreiben oder wegzugeben.

Individualität der Frau

Frauen werden in der Serie demnach stark über spezifisch weibliche Probleme und Thematiken definiert, die sie aber als individuell und bewundernswert charakterisieren. Die herablassende Art, mit der die Gesellschaft die kriminellen Frauen betrachtet, wird kritisiert, während das Verständnis und Mitgefühl der Protagonist(inn)en angesichts der schwierigen Situationen der Frauen als erstrebenswert dargestellt wird. Deutlich wird hervorgehoben, dass die Polizei und die Öffentlichkeit jegliches Verständnis für die Taten der Kriminellen ablehnen, weil sie glauben, sich ein Urteil über die Betroffenen machen zu können. Dieses Urteilen, vor allem von Männern über Frauen, wird zu Recht als problematisch bewertet. Die Serie betont, dass vor allem Männer in der damaligen Zeit sich eben nicht in die Gefühlswelten von Frauen und besonders von Müttern eindenken konnten, weil sie den Problemen, mit denen Frauen in der Gesellschaft konfrontiert waren, keine Beachtung schenkten.

Selbst der Psychoanalytiker Kreizler kommt an seine Grenzen, wenn er versucht, die Hintergründe der Mörderin zu entschlüsseln. Er holt sich Hilfe von einer Wissenschaftlerin, die ihm die Gefühlswelten der Frau näherbringen soll. Das ist in gewisser Weise auch sinnvoll, weil es die Einzigartigkeit der Frau hervorhebt und deutlich macht, dass Männer nicht immer authentisch über die inneren Beweggründe von Frauen berichten können, weil sie diese nicht unbedingt nachvollziehen können. Diese Darstellung hebt die Besonderheit der Frau im Positiven hervor und regt dazu an, sich auf die Gefühle von anderen einzulassen, anstatt vorschnell über sie zu urteilen. Anstatt Mütter mit einem gestörten Verhältnis zu ihren Kindern als unfähige und gescheiterte Wesen abzustempeln, kann man so die Hintergründe ihrer Probleme nachvollziehen. Im heutigen Zeitgeist kann durch diese Bereitschaft beispielsweise ein pauschalisierendes Victim-Blaming bei Vergewaltigungsfällen vermieden werden.

Sind Frauen trotzdem das emotionale Geschlecht?

Die Darstellung der Frauen hat allerdings auch Mankos. Oft wird beispielsweise auf die Unterschiede zwischen Männern und Frauen hingewiesen. Während Sara sich als Ermittlerin in einer Männer-dominierten Welt behaupten muss, kann sie bei dem Mordfall um die vermissten Kinder mit ihrer weiblichen Art punkten und ist den Männern überlegen: Sie kann sich besser in die Mörderin hineinversetzen und in Gesprächen auf sie eingehen. Gerade dieser Aspekt erscheint mir total fehl am Platz, weil es Sara doch gerade darum geht, ihre gleichwertigen Kompetenzen deutlich zu machen und nicht als emotionale Frau gesehen zu werden. Trotzdem wirbt sie potenziellen Klientinnen mit ihrer Gabe, als Frau mitfühlend zu sein und damit einen Vorteil gegenüber männlichen Ermittlern zu haben, die den Schmerz der Mutter nicht nachvollziehen könnten. Dass sich die Protagonist(inn)en richtigerweise auf die Gefühle anderer einlassen, ist ja schön und gut. Aber warum muss ausgerechnet die weibliche Hauptperson hier als emotional und einfühlsam charakterisiert werden?

Auch ist Sara immer noch auf die Hilfe von Dr. Kreizler angewiesen, der ihr die psychischen Hintergründe der Handlungen erläutert. Weil sie selbst oft durch ihre Emotionalität abgelenkt ist, muss Laszlo die Handlungen analytisch entschlüsseln und sie bei ihren Ermittlungen unterstützen. In gewisser Weise ist Laszlo demnach immer noch der schlauere Mann, der ihr mit seinem kühlen Verstand helfen muss.

Vielleicht soll hiermit nur klargestellt werden, dass eine derart progressive Geschichte wahrscheinlich so nie im New York des 19. Jahrhunderts stattgefunden hätte. Aber dass an dieser Stelle das Stereotyp der einfühlsamen Frau doch wieder aufgegriffen wird, hat mich schon irritiert.

Etwas ausgeglichen wird dieser Aspekt durch den Charakter von John, der sehr an Sara hängt und immer wieder versucht, ihre Zuneigung zu gewinnen, während Sara sich bemüht, ihren Beruf in den Vordergrund zu stellen und sich nicht von einer romantischen Beziehung ablenken zu lassen. In dieser Hinsicht wird Sara wieder als starke Frau dargestellt, die ehrgeizig ist und genau weiß, was die Gesellschaft von ihr erwartet: Obwohl sie selbst gerne eine Beziehung mit John eingehen würde, kann sie ihre emotionalen Wünsche zurückstellen und das tun, was besser für das Ansehen ihrer beiden Personen ist – für John als Journalist auf dem Weg in eine vielversprechende Ehe und für sie als fortschrittliche Detektivin, die progressive Werte vertreten möchte.

  • Die NYPD-Ermittlerin Isabella Goodwin war übrigens ein Vorbild für die Figur Sara Howard. Hier gibt’s einen interessanten Artikel von Screenrant dazu.

Bei den Ermittlungen geht es allerdings auch um die Beziehung von Müttern zu ihren Kindern. Sara muss sich in dieser Hinsicht wiederholt eingestehen, dass sie als alleinstehende Frau doch nicht immer in der Lage ist, die Gefühle der Mütter nachzuvollziehen. Diese Definition der Mutterrolle über die biologische Möglichkeit, ein leibliches Kind zu bekommen, ist aus meiner Sicht relativ konservativ und passt deshalb nicht zur progressiven Message der Serie.

Dennoch hat die Serie einen Beitrag zum medialen Diskurs über die Rolle der Frau in der Gesellschaft geleistet und vielleicht daran erinnert, dass der Weg zur Gleichberechtigung auch heute noch nicht zu Ende ist. Letztendlich bleibt auch offen, ob Sara sich an ein Leben mit einer Familie gewöhnen kann oder ob sie vielleicht dazu beitragen kann, dass die Rolle der alleinstehenden erfolgreichen Frau in der Gesellschaft anerkannt wird. Wie Sara Howard in den letzten Minuten der Staffel sagt:

„Auch wenn man uns als Frauen beurteilt, wir dürfen nie vergessen, dass wir Detektive sind. Und ob wir Röcke oder Hosen tragen, spielt für unsere Arbeit keine Rolle. Ein Mensch, der macht auch Fehler, Kitty. Wir mögen manchmal scheitern, aber wir sollten nicht durch unsere Fehler definiert werden. Es ist 8. Lasst uns beginnen.“

Die Einkreisung Staffel 2, Folge 8 „Bessere Engel“

Bildcredit: Titelbild: Warner Media/Den of Geeks

3 Gedanken zu “„The Alienist – Angel of Darkness“: Psychoanalyse und Emanzipation

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